Die Geschichte von den schwarzen Buben

Der „Struwwelpeter“ enthält unter anderen „Die Geschichte von den Schwarzen Buben“ in der es um das Schicksal dreier Kinder geht, die einen Mohr verspotten. Das Buch wurde  von Dr. Heinrich Hoffmann geschrieben und 1844 als Kinderbuch veröffentlicht.

 

Es ging spazieren vor dem Tor
Ein kohlpechrabenschwarzer Mohr.
Die Sonne schien ihm aufs Gehirn
Da nahm er seinen Sonnenschirm.
Da kam der Ludwig hergerannt
Und trug sein Fähnchen in der Hand.
Der Kaspar kam mit schnellem Schritt
Und brachte seine Bretzel mit;
Und auch der Wilhelm war nicht steif
Und brachte seinen runden Reif.
Die schrie’n und lachten alle drei
Als dort das Mohrchen ging vorbei,
Weil es so schwarz wie Tinte sei!

Da kam der große Nikolas
Mit seinem großen Tintenfaß.
Der sprach: Ihr Kinder, hört mir zu,
Und laßt den Mohren hübsch in Ruh‘!
Was kann denn dieser Mohr dafür,
Daß er so weiß nicht ist, wie ihr?
Die Buben aber folgten nicht,
Und lachten ihm ins Angesicht,
Und lachten ärger als zuvor
Über den armen schwarzen Mohr.

Der Nikolas wurde bös und wild, –
Du siehst es hier auf diesem Bild!
Er packte gleich die Buben fest,
Beim Arm, beim Kopf, bei Rock und West‘,
Den Wilhelm und den Ludewig,
Den Kaspar auch, der wehrte sich.
Er tunkt sie in die Tinte tief,
Wie auch der Kaspar : „Feuer!“ rief.
Bis über’n Kopf ins Tintenfaß
Tunkt sie der große Nikolas.

Du siehst sie hier, wie schwarz sie sind,
Viel schwärzer als das Mohrenkind!
Der Mohr voraus im Sonnenschein,
Die Tintenbuben hintendrein;
Und hätten sie nicht so gelacht,
Hätt‘ Nikolas sie nicht schwarz gemacht.

 

 

Der Begriff Mohr ist eine seit dem Mittelalter verwendete deutschsprachige Bezeichnung für Menschen mit dunkler Hautfarbe. Selten beruhen mitteleuropäische Darstellungen von „Mohren“ auf tatsächlichen Begegnungen, weit eher auf Reisebeschreibungen und überlieferten Darstellungen. Historische Abbildungen von Mohren folgen daher oft einem Stereotyp: dunkle bis schwarze Haut, dicke Lippen, krauses Haar, oft mit großen Ohrringen oder anderen Attributen „wilder Völker“. Im Zeitalter des Kolonialismus wurde der Ausdruck „Mohr“ zunehmend durch den Begriff „Neger“ ersetzt, es kam auch zur Gegenüberstellung von edlen Mohren (vorkoloniale Vorstellung) und primitiven Negern (koloniale Vorstellung). Heute gelten beide Begriffe als stereotypisierend und diskriminierend.

Der Begriff „Mohr“ im Struwwelpeter von 1845 ist deshalb nicht diskriminierend zu verstehen, ansonsten wäre „Neger“ verwendet worden. Es ist einfach eine zeitgenössische Bezeichnung für einen Menschen dunkler Hautfarbe. Abgesehen davon spricht der Inhalt der Geschichte ja eindeutig gegen jede Diskriminierung.

Auch die Darstellung des Nikolaus entspricht der Vorstellung jener Zeit. Er war noch nicht der freundliche, liebe, dicke Mann, dessen Stereotyp die Coca-Cola-Werbung 75 Jahre später prägte und bis heute unser Bild vom Nikolaus (und Weihnachtsmann) bestimmt.

Er war dem damaligen Zeitgeist entsprechend, noch ein strenger Erzieher, der brave Kinder belohnte, unartige aber hart bestrafte.

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