Reform des Zuckermarktes

Scharfe Kritik von Landwirten und Zuckerwirtschaft an den Reformplänen der EU-Kommission.

 

Eine radikale Reform des Zuckermarktes strebt die EU-Kommission in Brüssel an und erntet dafür scharfe Kritik von Landwirten und Zuckerwirtschaft.

EU-Agrarkommissar Franz Fischler erklärte gestern in Brüssel, die Zuckermarktordnung habe sich überlebt. „Das derzeitige System hat vier Jahrzehnte ohne Reform überstanden, es fehlt der Wettbewerb, Konsumenten und die verbrauchende Industrie zahlen überhöhte Preise„, sagte der österreichische EU-Kommissar.

Die intensive Rübenproduktion führt in manchen Regionen zu Umweltproblemen, und die subventionierten Exporte stehen stark in der internationalen Kritik, vor allem von den Entwicklungsländern,“ fuhr Fischler fort. Der Zuckerpreis in der EU sei drei Mal so hoch wie auf dem Weltmarkt. „Das ist weder ökonomisch tragbar, noch entwicklungspolitisch sinnvoll.

Die Industrie attackierte die Pläne und sprach von 100 000 bedrohten Arbeitsplätzen in Europa. Dagegen begrüßte Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast die Vorlage, sieht aber Verhandlungsbedarf. Die zeitliche Abfolge der Reformschritte, der Umfang der Preissenkung und die Höhe der Ausgleichszahlungen müssten noch geklärt werden. „Wir werden uns für eine sozial verträgliche Anpassung an die veränderten Rahmenbedingungen einsetzen.

Zuckerwirtschaft und Landwirte gehen mit Fischler ins Gericht. Zum Vorwurf der Umweltschädigung durch den Rübenanbau sagte Jürgen Hirschfeld, Vorsitzender des Bauernverbands Region Braunschweig: „Mehr Quatsch kann man in einem Satz nicht sagen. Einer von der Alm kann es nicht besser wissen.“ Hirschfeld stellte klar: „Keine Frucht entzieht dem Boden soviel Stickstoff wie die Rübe. Die Rüben produzieren mehr Sauerstoff als der Wald.

Die Einkommensverluste der Rüben-Anbauer will die EU-Kommission im Rahmen der so genannten Entkopplung mit Direktzahlungen zu 60 Prozent abfedern. Mit der Entkoppelung der Agrarhilfen von der Produktion soll den Rübenbauern der Anreiz zur Überproduktion genommen und eine Ausrichtung am Markt erleichtert werden.

Dieses Konzept zieht sich durch alle Reformschritte der EU-Agrarpolitik seit Juni 2003. Der Umbau des Zuckermarktes ist der letzte Reform-Schritt. Jetzt geht wieder der Kampf um die Ausgleichszahlungen los, kritisierte Hirschfeld. Fraglich sei, ob es dabei nach Zuckerquote oder Hektar gehe. Zugleich verurteilt er die von der EU geplanten Anpassungsbeihilfen für die AKP-Staaten, die vereinbarungsgemäß 1,2 Millionen Tonnen Zucker zollfrei in die EU exportieren und vom dreifach höheren Preis als auf dem Weltmarkt profitieren. „Das erfordert Steuergelder. Diese Ausgaben wären nicht nötig.“ ärgert sich Hirschfeld.

Dieser Vorschlag stellt die gesamte europäische Rüben- und Zuckerproduktion in Frage„, meinte der Vorsitzende der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker, Hans-Jörg Gebhard in Berlin. Europaweit seien bis zu 100 000 Jobs gefährdet.

Europas zweitgrößter Zuckerproduzent, die Nordzucker AG in Braunschweig, sieht beträchtliche Restrukturierungen auf die Branche zukommen. Nordzucker-Chef Ulrich Nöhle schließt Werksstillegungen nicht aus. Dabei komme die Preissenkung bei den Verbrauchern kaum spürbar an. Eine Tafel Schokolade koste dann drei bis vier Cent weniger, sagt Nöhle. Zudem kaufe jeder Verbraucher im Schnitt nur fünf Kilo Zucker im Jahr.

Der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Gerd Sonnleitner, sagte zu den Vorschlägen, die Bauern in Europa würden dadurch abgestraft. „Wenn der Vorschlag so umgesetzt wird, wird nachhaltige und umweltschonende Zuckerproduktion einer Sklavenhalter-Landwirtschaft in Brasilien geopfert„, sagte Sonnenleitner.

 

Das könnte Dich auch interessieren...