Holunder

Holunder (Sambucus nigra), Strauch oder Baum mit graubrauner, in Längsrichtung rissiger Rinde, der sich von Mai bis Juli mit weißen Blüten schmückt und im August tiefschwarze Früchte trägt.
Der schwarze Holunder ist nahezu in ganz Europa und in einigen Gebieten Vorderasiens zu finden. Er gedeiht besonders prächtig auf stickstoffreichen Böden. Häufig sieht man die Pflanze in Laub- und Nadelwäldern, Ufergebüschen und Schutthalden.
Diese Beschreibung, so oder ähnlich in jedem Pflanzenführer zu lesen, läßt jedoch nicht erahnen, welche mystische Bedeutung die Pflanze für unsere Vorfahren hatte.

 

 

Mythologie

 

Der Hollerbusch (Holunderbaum) wurde von den Skandinaviern als Verkörperung der Göttin Hel angesehen. Selbst bis ins späte Mittelalter bezeichnete man den heiligen Baum noch als Hel- oder Elfenbaum. In Dänemark wurden vor allem die älteren Bäume als „Hyldemoer“, was soviel wie Hel-Mutter oder Holunder-Mutter bedeutet, verehrt und angebetet. Da Hel auch als Totengöttin galt, spielte der ihr geweihte Baum im heidnischen Totenkult eine zentrale Rolle. Lange Zeit wurden die Grabkreuze aus dem Holz des Holunderbaumes, der auf dem Grundstück des Verstorbenen wuchs, gezimmert. Es soll vorgekommen sein, daß ein solches Kreuz wieder ausgetrieben hat. Noch heute steckt man in Tirol Holunderzweige in die Gräber, verbunden mit der Hoffnung, daß sich frische Triebe zeigen. Das gilt als Zeichen dafür, daß der Verstorbene gnädig aufgenommen wurde. Tote wurden vielerorts auf Holunderreisig gebettet und bei der Totenwache wurde Holundertee getrunken. Der Teebrauch ist gelegentlich heute noch zu finden.

Frau Holle (Hollerbusch), ein anderer Name der Göttin Hel, wurde ursprünglich als milde und freundliche Göttin gepriesen und nach Einführung des Christentums zum Spukgeist degradiert. Dieses Image hat sich jedoch glücklicherweise wieder ins Gegenteil verkehrt, so daß sie heute in den Köpfen der Kinder weiterlebt. Wenn „Frau Holle“ ihre Betten macht und die Kissen kräftig schüttelt, dann schneit es auf Erden. Der Schnee ist mit den duftig weißen Holunderblüten gleichzusetzen.
Der Holunderbaum wurde auch immer als Tor zur Unterwelt gesehen. Wer unter diesem Baum einschläft, wird bald Zwerge, Gnome und Kobolde spüren. In Schweden sag(e)t man, daß man am Mittsommerabend unter blühendem Holunder den Elfenkönig mitsamt Hofstaat erspähen könnte.

Weitverbreitet war früher der Glaube, daß der in Hausnähe gewachsene Holunderbusch, die „Hof- und Hausgötter“ beherbergt. Die Schweden verwöhnten dort ihre Hausgeister mit Milchopfer, bei den Germanen gab es Bier und Brot für die Erdgeister.

 

Wirkung

 

Die Pflanze wurde auch als „Apotheke der Bauern“ bezeichnet. Für alle Wehwehchen mußte sie herhalten. Man vergrub Zähne, Haare und Nägel in ihrem Schatten, um so magischem Mißbrauch vorzubeugen. Band man einen eitrigen Lappen in die Zweige, konnte der gepeinigte Kranke genesen. Denn durch dieses Ritual wurde dem Baum die Krankheit „angehängt“. Es zeugen unzählige regional unterschiedliche Zaubersprüche davon, daß dem Hollebaum heilende Zauberkräfte nachgesagt wurden. Aus Kindertagen und Erzählungen meiner Großmutter erinnere ich mich noch an folgende Sprüche: „Weil ich es nimmer mag, hast du’s jetzt Jahr und Tag“. „Zweig, ich bieg´ dich nieder; Fieber bist mir zuwider; Holunderast, ich heb´ dich auf; Kopfweh setz´ dich hurtig drauf.“ Damit sollte erreicht werden, daß der Holunder die Zipperlein aufnimmt. Es galt als gesichert, daß ein Mensch vom Rheumatismus befreit würde, wenn er ein Stückchen Holunder auf der Haut trug.
Man hoffte, Kuh und Kalb vorm „verhexen“ zu bewahren, wenn man die Nachgeburt unterm Holunder begrub. Glaubte man ein Kind sei „verschrieen“, also verhext, konnte es durch das Vergraben seines Hemdchens vom Zauberbann erlöst werden. Und um es erst gar nicht so weit kommen zu lassen, schüttete man ebenfalls das Badewasser kleiner Kinder dort aus. Eine Wiege mit Holunder zu schmücken galt als besonders gefährlich. In diesem Fall würden die Feen das darin liegende Baby mitnehmen. Als Beweis dafür, daß der hauseigene Holunderbusch „seine“ Menschen liebt, galt das Gerücht, daß der Strauch eingehen würde, sobald Haus und Hof (z.B. durch Auszug der Bewohner) verlassen wären.

Es galt als grobes Vergehen, wenn nicht gar als Sünde, den Holunderbaum achtlos zu stutzen oder sein Holz zu verbrennen. Als Strafe, so nahm man an, würden die dort gebundenen bösen Zauber auf den Frevler übergehen. Unglück, vermutlich sogar der Tod, würden sein gerechter Lohn sein. Es war außerdem zu befürchten, daß der Teufel durch den Schornstein gefahren käme, wenn man das Holz im heimischen Herd verbrannte.
Wer allerdings schon mit Gevatter Tod in Berührung gekommen war, wie etwa Witwen und Waisen, der konnte ungestraft das Holz des Holunders sammeln und verfeuern. War es für den Normalsterblichen jedoch unumgänglich, Hand an den geheiligten Baum zu legen, so mußte entsprechend Vorsorge getroffen werden. Mit Bittsprüchen und kleinen Opfergaben versuchte man, die Pflanze gnädig zu stimmen.

Wegen dieser unzähligen Assoziationen bevorzugten die Hexen für ihre Zauberstäbe Holunderholz. Es gab jedoch auch die Vorstellung, daß der starke Eigengeruch des Holzes Hexen abschrecken würde. Daher rühren etliche Überlieferungen, daß man sich mit einem Holunderbüschel, am letzten Apriltag geschnitten und über die Eingangstür gehängt, vor Hexen und bösen Geistern schützen kann. Das gleiche gilt für Amulette, die aus Holunderholz gefertigt sind.

Holunder galt auch als bevorzugte Zutat, die die Hexen für ihre unheilvollen Rezepturen verwendeten. Das rötliche Holz des Zwergholunders ließ die Vermutung zu, daß unter seiner Rind Bluß fließt. Auch sollte die Pflanze nur dort gedeihen, wo reichlich Menschenblut vergossen wurde.

Zum Aussehen des Baumes, der einst der Großen Göttin heilig war, gibt es viele Sagen und Geschichten. Die weißen Blüten und die schwarzen Beeren, also der Gegensatz par excellence, verkörpern das Leben und den Tod. Auch in die christliche Mythologie hat der Baum Zugang gefunden. Die Schrunden auf den Holunderzweigen sollen daher rühren, daß Jesus von seinen Folterknechten mit Holunderruten gepeinigt wurde. Diese Überlieferung erklärt den schlechten Ruf des Baumes. Im Widerspruch dazu heißt es aber auch, daß Maria die Windeln des Christkindes auf seinen Zweigen getrocknet habe. Und weiter wird berichtet, daß sich der Verräter Judas am Holunderbaum erhängt habe. Also ist auch hier die zweifache Bedeutung zu finden.

In vergangenen Tagen waren die Gaben des Holunderbaumes nicht aus der Hausapotheke wegzudenken. Holunderblütentee ist schweiß- und harntreibend und wurde als „blutreinigend“ bei den verschiedensten Krankheiten verabreicht. Das Sirup der schwarzen Beeren – am wirkungsvollsten im Zeichen des Löwen geerntet – galt als hautklärend, darmreinigend und -anregend. Die lange Winterzeit versüßte man sich mit heißen und schmackhaften Holunderbeersuppen, die gleichzeitig wegen ihres hohen Vitamin-C-Gehaltes geschätzt wurden. Neueste Forschungen bestätigen die Heilwirkung der Beeren und belegen eine immun- und nervenstärkende Wirkung. Der blaue Farbstoff wirkt sich günstig auf die Zellatmung aus und kommt deshalb heute sogar in der Krebsbehandlung zum Einsatz.

Auch die Blätter konnten zu verschiedensten Heilmitteln verarbeitet werden. Sie wurden im Sommer gesammelt und mit Schweinefett zu Salben für Prellungen, Geschwülste und Frostbeulen verkocht. Die im Herbst „geerntete“ Rinde war als Mittel gegen Verstopfung geschätzt. Ein weitverbreiteter Aberglaube sagte, daß die nach unten geschabte Rinde als Abführmittel wirkt, nach oben geschabt jedoch zum Erbrechen reizt. Aus heutiger Sicht schreibt man diese unterschiedlichen Wirkungen dem „Placebo-Effekt“ zu.

In der Naturkosmetik gilt ein Blütenaufguß (3 – 5 Blütendolden mit 1 l kochendem Wasser übergießen und bis zum Erkalten auslaugen lassen) als hervorragendes Mittel bei unreiner Haut. Täglich angewendet, soll ein Erfolg rasch sichtbar sein.

Der einst so heilige Baum hat schon lange seinen Nimbus verloren. Doch noch in unseren Tagen kann man gelegentlich Menschen beobachten, die sich ihm ehrfürchtig nähern, und sei es auch nur um seine Blüten oder Früchte zu ernten. Denn die nachfolgenden schmackhaften Rezepte aus Großmutters Kochbuch sind auch bei den Enkeln beliebt.

 

Rezepte

 

Fritierte Holunderblüten

Gewaschene und gut abgetrocknete Blütendolden in Pfannkuchenteig – 125 g Mehl, eine Prise Salz, ein Ei und 1/4 Liter Wasser oder Milch – eintauchen und anschließend in heißem Fett knusprig ausbacken.

Holunder-Elixier

Fünf bis zehn getrocknete Holunderblüten-Dolden mit ca. 400 g frischen Holunderbeeren in eine Flasche geben und mit einem Liter Ansatzschnaps aufgießen. Als Gewürze werden noch eine Zimtstange, fünf Sternanis und fünf Kardamomkapseln hinzugegeben. Wer es lieber süß mag, darf den weißen Kandiszucker (Menge nach Belieben) nicht vergessen. Nach einer „Reifezeit“ von ca. vier Wochen ist der Zaubertrank fertig.

Holunderblütensekt

10 l Wasser mit einem kg Einmachzucker aufkochen und den Saft von zwei Zitronen hinzufügen. 15 bis 20 Holunderblüten-Dolden zusammengebunden in die noch heiße Zuckerlösung hängen. Zwei weitere Zitronen in Scheiben geschnitten dazugeben. Nach 12 Stunden kann die durchgesiebte Lösung in stabile (wichtig!) Flaschen umfüllt werden. Besonders gut geeignet sind Sektflaschen, weil bei der Gärung großer Druck entsteht. Nach ca. drei Wochen ist der Holunderblütensekt fertig.

Quellen und Bücher zum Weiterlesen

 

  • Claudia Müller-Ebeling, Christian Rätsch, Wolf-Dieter Storl – Hexenmedizin
  • Barbara Walker – Das geheime Wissen der Frauen
  • Hermann Frischbier – Hexenspruch und Zauberbann
  • Vollmer – Wörterbuch der Mythologie
  • David Pickering – Lexikon der Magie und Hexerei
  • Belledame – Die persönliche Magie der Pflanzen – Edition Tramontane

 

 

 

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