Drachen & Schlangen Mythen

Einst war der Himmel übersät mit ihnen – herrliche hornhäutige Rücken, lederne Flügel, aufsteigend im heißen Atem des Windes. Sie gehörten zum Alltag der Menschen und verschwanden mit dem Vergessen.

Schlangen & Drachen

 

Drachen, das sind in unserer Phantasie meist jungfrauenverschlingende, feuerspeiende, in Höhlen lebende Monster. Und sobald sie auf der Lanze des Ritters aufgespießt sind, haucht ihr vulkanartiger Feuerschlund seinen Odem aus.
Der geflügelte, vierfüßige, flammenwerfende Schrecken der klassischen Mythologie ist bei uns wohl die bekannteste Drachenart. Jedoch tritt kein anderes Fabelwesen in solch einer Vielfalt auf. Noch im siebzehnten Jahrhundert wurden detaillierte Drachenstudien betrieben. Anatomie und naturwissenschaftliche Daten wurden von den Gelehrten penibel aufgezeichnet. In Unterlagen des Naturforschers Edward Topsell von 1608, ist zu lesen: „Es gibt verschiedene Drachenarten, die sich teils durch ihre Anzahl und Größe und teils durch die unterschiedlichen Formen ihrer äußerlichen Körperteile unterscheiden.“ Noch heute wird die Drachendynastie in geflügelte Schlangen, Lindwürmer, Guivre, sechsfüßige Tarasquen, wasserspeiende Gargouilles, vielköpfige Hydren, Basilisken – und unzählige andere mehr – eingeteilt. Den ehrfurchtgebietenden Drachen wurde schon immer sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt, aber seit dem neunzehnten Jahrhundert wurde bedauerlicherweise, nach intensiven Forschungen und Drachensuche, die Illusion der fliegenden Biester zerstört. Nicht ein einziger Lindwurm wurde gesichtet, geschweige denn, gefangengenommen. Doch entgegen aller wissenschaftlicher Belege, bleiben die Drachen in unseren Köpfen atmende Kreaturen, die einst die Welt beherrschten. Die zahlreichen Darstellungen der randalierenden Reptilien früherer Künstler, geben der Phantasie Farbe.

 

Wortherkunft

Da die Bezeichnung „Drache“ von dem lateinischen Wort draco (Schlange) abstammt, gehen einige Drachentologen davon aus, daß sich die Drachen aus Schlangen entwickelt haben. Dieser Evolutionsschritt brachte die sogenannten „Schlangendrachen“ hervor. Sie lebten normalerweise in Flüssen, Seen oder im offenen Meer. Diese glied- und flügellosen Wesen sind an dem drachenartigen Kopf, der häufig Hörner besitzt, und an ihrem krokodilartigen Rachen, gut zu erkennen.
Viele Schlangendrachen waren berüchtigt für ihren verheerenden, giftigen Atem und als besonders gefährlich wurde der Luftausstoß des Guivre eingestuft. Wo immer sich ein solches Monster befand, waren Tod und Zerstörung nicht weit. Aber nicht alle Drachen stießen Feuer oder schädliche Dämpfe aus. Die wasserspeienden Kreaturen waren genauso gefürchtet, weil der Wasserstrahl aus ihrem Maul einen ähnlich vernichtenden Effekt hatte. Schon nach kurzer Zeit überflutete die enorme Wassermenge aus ihrem Schlund große Landflächen. Dadurch war meist die Ernte verdorben und etliche Menschen mußten ihr Leben lassen. Entweder weil der Gargouille (Gurgler) sie fraß oder sie ertranken, nachdem der Drache böswillig ihre Boote kentern ließ. Obwohl diese Monster für ihre Grausamkeiten berüchtigt waren, setzte man ihnen in der ganzen Welt Denkmäler. Viele der wasserspeienden Biester zieren die Brüstungen von mittelalterlichen Gebäuden. Ganz berühmt sind die Figuren von Notre-Dame.
Auch Jormungander, die Midgardschlange, aus der skandinavischen Mythologie, ist als Schlangendrache zu sehen. Sie konnte erst nach vielen vergeblichen Versuchen, am lang ersehnten Tag der Letzten Schlacht (Ragnarök) von Thor, dem Gott des Donners, besiegt werden. Doch leider konnte der mächtige Asengott seinen Sieg über das Ungeheuer nicht mehr genießen. Er erstickte an dem stinkenden Gift, das die Bestie mit ihrem letzten Atem ausgestoßen hatte.

 

Variationen

Auch in der griechischen Mythologie machten die Schlangendrachen von sich reden. Perseus, der mutige Sohn von Göttervater Zeus und der griechischen Prinzessin Danae, schlug mit seinem Schwert zuerst Medusa den Schlangenkopf vom Rumpf und stieß die Klinge ebenfalls dem tyrannischen Schlangenwal Cetus tief ins Herz. Dessen Leben zerrann in kleinen Bächen von gerinnendem Drachenblut.

„Der Leviathan ist ein gewundener Schlangendrache, der in den Tiefen des Meeres haust“, kann man im Buch Jesaja erfahren. Über Jahrhunderte hinweg wollten Bibelwissenschaftler den sagenhaften Leviathan aufspüren. Aber bis zum heutigen Tag konnte noch keine befriedigende und schlüssige Aussage zu dem spektakulärsten Biest Gottes gemacht werden.

Als Halbdrachen werden der Lindwurm (zweibeinig und flügellos) und der Wyvern (zweibeinig mit Flügeln) eingeordnet.
Der Lindwurm war hauptsächlich in den Bergen Zentraleuropas anzutreffen. Ihm wird nachgesagt, daß er sich mit Vorliebe auf Friedhöfen aufhielt, wo er menschliche Leichen verschlang. Ihn kennen wir auch als Drache „Fafnir“, dem der mutige nordische Held „Siegfried“ das Lebenslicht ausblies. Richard Wagner ließ sich von dem Heldenepos inspirieren. Seine Oper „Die Nibelungen“ hat bis heute nichts von ihrer Faszination eingebüßt.
Der Tatzelwurm war in den Alpen beheimatet. Dieser Wurm mit Klauen soll etwa einen halben Meter lang sein und zwei Vorderbeine besitzen. Gelegentlich wurde berichtet, daß der Kopf Ähnlichkeit mit einer Katze aufweist und das Wesen über große Sprungkraft verfügt. Ähnliche Kreaturen wurden auch weiter im Süden gesichtet. Noch im Jahre 1954 wurde ein Tatzelwurm in Palermo entdeckt. Ein Bauer soll das Biest gesehen haben, als es sich über Schweine hermachte.
Der Wyvern ähnelt am ehesten dem Bild des klassischen Drachen. Er ist in den Märchen zu finden, erscheint als Symbol des Neides und der Plagen, verkörpert das Böse, ist Sinnbild des Krieges, wird aber auch gern als Wappentier in der Heraldik verwendet. Bei den Alchimisten bezeichnet das Fabeltier das unverwandelte Grundmetall.
Der klassische westliche Drache hat vier kräftige Beine mit krallenartigen Füßen, zwei fledermausartige Flügel, einen undurchdringlichen Panzer aus schillernden Schuppen, einen langen mächtigen Schwanz und einen feuerspeienden Schlund. Ein solcher reptilienartiger Tyrann begegnet uns in der St. Georg-Sage. Der Drache wurde von der Bevölkerung mit Schafen gefüttert, damit er von der Verwüstung der Äcker und Felder abließ. Es kam der Tag, an dem alle Schafe an das Ungeheuer verfüttert waren. Um ihn von weiteren Verwüstungen abzuhalten, opferten die Menschen schweren Herzens ihre Kinder, in der Hoffnung auf ein Wunder. Als die Reihe an die Königstochter kam, sollte das Unmögliche geschehen. Georg, ein Soldat der römischen Armee, hatte sich zum christlichen Glauben bekehren lassen und war nun ausgezogen, Gottes Wort auf der ganzen Welt zu verbreiten. Er hörte von der unglücklichen Königstochter und beschloß, sie zu retten. Der Sieg über den Drachen, der für Georg das Böse personifizierte, hatte zur Folge, daß sich der König und die ganze Bevölkerung aus Dankbarkeit taufen ließen.
In England ist der schreckliche Wantley-Drachen eine Berühmtheit, der ebenfalls die Dorfbewohner quälte, mit Vorliebe Bäume ausriß und Milchkühe fraß. Der Held dieser Geschichte heißt „More“. Er streckte das Monster nieder, in dem er der Bestie einen gezielten Tritt auf die einzige verletzbare Stelle gab. Mit einem fürchterlichen Schmerzensschrei brach der Drache grollend und bebend zusammen und verstarb. Auch in dieser Geschichte wurde ein mutiger Ritter zum Helden.
Aber nicht alle klassischen Drachen hatte riesige Ausmaße. Einige, Dragonets genannt, waren nur etwa so groß wie ein Mensch, aber trotzdem äußerst gefährlich. Als typischer Vertreter seiner Art galt der Dragonet vom Berg Pilatus, der als sehr zierlich und graziös beschrieben wird. Wer mit seinem Blut in Berührung kam, war sofort tot. Da auch er die Anwohner bis auf äußerste quälte, war ihm das gleiche Schicksal wie seinen Artgenossen beschieden. Der Drachentöter dieser Sage nannte sich Winckelried. Den Anstoß zu dieser Geschichte gaben vermutlich die Skelettausgrabungen von Pterodactylen – prähistorische fliegende Reptilien – am Berg Pilatus.
Es ist nicht zu bezweifeln, daß die Beschreibung vieler legendärer Drachen, von den noch heute lebenden Riesenechsen und Krokodilen inspiriert wurde.

 

Rezeption

Auffällig ist, daß westliche Drachenmythen meist von bestialischen Ungeheuern berichten, wogegen bei den Asiaten von wohlwollenden und glückbringenden Wesen erzählt wird, Der bekannteste asiatische Drache kommt wohl aus China. Dieser Glücksbringer hat die Merkmale von neun verschiedenen Figuren in sich vereint. Der Kopf entstammt einem Kamel, die Augen gehören einem Dämon, die Ohren sind einer Kuh entliehen, seine Hörner sind Hirschgeweihe, sein Nacken ähnelt einer Schlange und sein Bauch der einer Venusmuschel. Er besitzt die Fußsohlen eines Tigers und die Klauen eines Adlers. Der Körper wird von 117 Schuppen bedeckt, die einem Karpfen entnommen sind. Eine weitere Besonderheit ist, daß er sich auch ohne Flügel in die Lüfte erheben kann. Dies ermöglicht ihm sein Chi`ih muh, eine blasenförmige Schwellung oben auf dem Kopf. Er verkörpert sowohl die männliche Kraft des Himmels als auch die weibliche Kraft des Wassers, beinhaltet demnach Yin und Yang.
Anders als bei seiner westlichen Verwandtschaft, dauert die Entwicklung eines chinesischen Drachenbabys zum erwachsenen Glückssymbol 3000 Jahre, und es wird in dieser Zeit mit den verschiedensten Namen bedacht.
Oberflächlich betrachtet ähneln die japanischen Drachen ihren chinesischen Artgenossen. Jedoch ist ihre Gestalt noch schlangenartiger, sie haben lediglich drei Krallen an jedem Fuß und leben hauptsächlich in Flüssen. Die bekannteste Art ist der Tatso, der von einer primitiven chinesischen Drachenart abstammt.
Es wird für möglich gehalten, daß sich der traditionelle östliche Drachenglaube aufgrund früher Funde von riesigen Sauropoden-Fossilien entwickelt hat, die 1915 in einer Höhle am Ufer des Yangtze-Flusses entdeckt wurden. Die Behauptung, daß Drachen auf Dinosaurier zurückzuführen sind, wird von anerkannten amerikanischen Wissenschaftlern unterstrichen.

Wesen wie der Basilisk, die Hydra oder der Peluda werden als „Neudrachen“ bezeichnet. Sie sind aus Sicht der mythologischen Zoologie keine echten Drachen, ähneln aber im Verhalten und Aussehen ihren Namensvettern.
In früheren Zeiten war der Basilisk ein äußerst gefürchtetes Ungeheuer. Er war zwar nur 60 cm groß, konnte aber riesige Tiere ohne große Mühe vernichten. Sein Atem war derart widerlich und giftig, daß Bäume und Büsche verwelkten und Bäche zur Kloaken wurden. Sogar der abscheuliche Geruch seines Schweißes war tödlich. Wo immer er auftauchte, hinterließ er verwüstetes Land. Im Mittelalter wurde aus dem „König der Schlangen“, wie er genannt wurde, ein Biest, das dem Wyvern glich. Ihm wuchsen Beine, Flügel und ein gewundener Schwanz, so berichteten es die Chronisten. Schließlich änderte sich nicht nur sein Aussehen, sondern er bekam auch einen neuen Namen. Er wurde nun als Cockatrice (falscher Hahn) bekannt. Im Verhalten stand der Cockatrice seinem grausamen Vorfahren in nichts nach. Beide Neudrachen lebten anscheinend hauptsächlich in Nordafrika und Westeuropa, jedoch klingen auch viele Beschreibungen aus der übrigen Welt ähnlich.
In seiner Abscheulichkeit unübertrefflich war ein Neudrache, namens Tarasque. Er wurde von dem biblischen Monster Leviathan geboren und hatte ein kräftige Statur, größer als jeder Ochse und sechs stämmige Gliedmaßen, die in mörderischen Pranken endeten. Sein kolossaler Körper erinnerte an eine überdimensionale Schildkröte und seine Stacheln machten ihn unbezwingbar. Er unterdrückte die Bevölkerung von Nerluc in Südfrankreich und wurde von der Heiligen Martha mit zwei Zweigen in Form eines Kreuzes bezwungen. Jedes Jahr an Pfingsten wird in Nerluc, das seit dem Tarascon heißt, das Tarsquefest gefeiert.
Zur gleichen Gattung gehört auch der Peluda, der mit seinen grünen, giftigen Stacheln seine Feinde beschießen konnte. Sein nackter Schwanz war seine einzige verwundbare Stelle. Die Drachenbezwinger im mittelalterlichen Frankreich nutzen diese Schwachstelle zu ihren Gunsten.
Der furchtlose Held Herkules kämpfte im antiken Griechenland gegen ein neunköpfiges Schlangenmonster. Die Hydra ist das Ergebnis der Vereinigung von Typhon, einem hundertköpfigen Riesen, und Echidna, die einen Schlangenkörper besaß. Weitere Nachkommen waren die Chimäre, der wilde Drache Ladon, der den Garten der Hesperiden bewachte, der zweiköpfige Hund Orthos und der dreiköpfige Höllenhund Cerberus. Doch ohne Zweifel war die Hydra das widerwärtigste Familienmitglied.
Bei der Aufzählung der Neudrachen fehlt jetzt noch der wohl bekannteste Vertreter dieser Art. Die Rede ist von dem schüchternen Seebewohner aus Schottland, der regelmäßig das „Sommerloch“ füllt. „Nessie“ das Monster von Loch Ness hat nach Zeugenaussagen einen etwa neun Meter langen Leib, zwei paddelförmige Gliedmaßen und einen relativ kleinen Kopf.
Dies sind allerdings Berichte aus unseren Tagen, die erneut zu kontroversen Diskussionen anregen und engagierten Drachentologen ein weiteres Betätigungsfeld bieten.

Drachen gehören zu den nichtgelösten Rätseln der Menschheit und es sollte die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, daß den Wissenschaftlern der Zukunft, spektakuläre Entdeckungen noch bevorstehen. Jungfrauen der Welt, seit auf der Hut.

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