Musik aus dem Reagenzglas

Musik aus dem Reagenzglas

Alle Welt regt sich über die derzeitigen Casting-Shows auf, die Pseudo-Popstars ohne Profil am Fließband produzieren, die nach kurzer Zeit wieder in der Anonymität verschwinden und angeblich das „ehrliche“ Musik-Business ruinieren. Doch Hitlieferanten aus dem Reagenzglas der Musikindustrie hat es schon immer gegeben, von einigen Doowop-Gruppen in den 50ern, den Monkees in den 60ern, den Village People und Boney M. in den 70ern, New Kids on the Block und Milli Vanilli in den 80ern über die Backstreet Boys, Take That und den Spice Girls in den 90ern bis zu den No Angels, Bro’sis, Daniel K. und anderen DSDS-Klonen heute. Das einzig neue daran ist, dass das Casting jetzt öffentlich statt findet und damit selbst zum Pop wird.

Keine dieser gecasteten Gruppen hatte eine lange Lebensdauer, aber sie waren in der kurzen Zeit ihres Bestehens sehr erfolgreich. Noch heute kommt kein Oldies-Sampler ohne z.B. die Monkees oder Boney M. aus. Natürlich sind es keine richtungsweisenden Interpreten ihrer Zeit, doch einige von ihnen haben Ohrwürmer geliefert, die überlebt haben.

 

Für alle „Früher war alles besser“-Behaupter hier die Geschichte der Monkees:

 

Inspiriert vom Erfolg des Beatles-Films „A Hard Day’s Night“ wollte ein amerikanischer TV-Sender eine Musikserie für Teenies produzieren. Dafür brauchte man junge, gut aussehende Darsteller, die im Sommer 1965 mit diesem Zeitungsinserat angeworben wurden: „Vier irre Jungens gesucht, Alter 17 bis 21, die Mut zur Arbeit haben.“ Durch das Casting verpflichtete man zwei ehemalige TV-Kinderstars und zwei Sänger mit Gitarren-Kenntnissen, die in wenigen Wochen zu einer Beatgruppe geformt wurden. Live-Auftritte waren nicht vorgesehen, die Musik wurde von Studiomusikern eingespielt und die Songs lieferten damals bekannte Stars wie Carole King und Neil Diamond. Der Episodenführer zeigt, wie primitiv die TV Serie The Monkees war, der skurile britische Humor des Vorbilds wurde durch billigen Klamauk ersetzt. Doch Serie und Musik waren erfolgreich: 3 weltweite Nr.1-Hits, 6 Goldene Schallplatten und 2 Emmys allein 1967, dazu 25 Millionen Dollar Umsatz durch das, was man heute Merchandising nennt. Zwei Jahre später war alles wieder vorbei, ein von Jack Nicholson produzierter Spielfilm floppte, die Solokarrieren blieben erfolglos. Aber noch heute dudelt „I’m A Believer“ für die „Ultimative 60s Collection“ in allen TV-Werbespots und verkauft sich bestens.

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