Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da

 

Wenn man an deutsche Schlager aus der Nazizeit denkt, hat man alle möglichen Vorstellungen, aber man erwartet bestimmt kein Plädoyer für Rausch, Ausschweifungen und Rebellion sowie das Lächerlichmachen der Autorität. Aber genau das gibt es hier zu hören:

 

Refrain:

Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da
die Nacht ist da, dass was gescheh‘.
Ein Schiff ist nicht nur für den Hafen da
es muss hinaus, hinaus auf hohe See.
Berauscht euch Freunde trinkt und liebt
und lacht und lebt den schönsten Augenblick.
Die Nacht, die man in einem Rausch verbracht,
bedeutet Seligkeit und Glück.

 

Gustaf Gründgens (* 1899 in Düsseldorf; † 7. Oktober 1963 in Manila) sang Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da im Kinofilm „Tanz auf dem Vulkan“ von 1938. Das Lied besteht aus mehreren Strophen, die im Film verteilt gesungen werden. Im Video oben sind die Szenen zusammengeschnitten. Regisseur des Films, der im Paris des Jahres 1830 spielt, war Hans Steinhoff, ein Starfilmer der NS-Zeit und Nationalsozialist der ersten Stunde. Warum ausgerechnet er diesen rebellischen Film drehte, ist unbekannt.

Obwohl Reichspropagandaminister Joseph Goebbels den Film rügte, wurde er praktisch nicht zensiert. Goebbels missfielen die positive Darstellung eines Umsturzes gegen ein etabliertes System, vor allem aber fand er den Hit „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da“ als äußerst unpassend für einen deutschen Film. Wenn auch der Film fast ungekürzt in den Kinos lief, so wurde doch die Verbreitung dieses Schlagers in der Filmfassung auf Schallplatte verboten. Lediglich der Refrain wurde auf Schellack gepresst, und das auch nur in geringer Anzahl, so daß die Platte schnell ausverkauft war. In der Druckausgabe wurde die Strophe mit der Endzeile „Rebellion! Rebellion in den Katakomben!“ sowie die letzten Abschnitte geschwärzt. So ist nur der Filmton davon erhalten.

Dennoch entwickelte sich das Lied auf den Straßen Deutschlands schnell zum Ohrwurm und Gassenhauer, also etwas, was wir heute profan einen „Hit“ nennen. Die Musik stammt von Theo Mackeben, der Text von Otto Ernst Hesse. Beide hatten noch weitere Erfolge mit Kinoschlagern, produzierten aber auch typische NS-Durchhaltelieder.

 

Geschichte

Gustaf Gründgens gilt als umstrittene Gestalt der deutschen Theatergeschichte. Unvergessen ist seine Rolle des Mephisto in diversen Theateraufführungen und Filmen von Goethes „Faust“, die er von den 1920er Jahren bis zu seinem Tod 1963 immer wieder spielte. Gründgens machte Karriere, als andere Schaupieler und Regisseure Nazi-Deutschland verließen oder deportiert wurden. Er war ein Schützling von Hermann Göring, der ihn zum preußischen Staatsrat ernannte und zum Generalintendant des Preußischen Staatstheaters beförderte, wodurch er dem Zugriff Goebbels entzogen war. Er war der Theaterstar der 1930er Jahre, kassierte hohe Gagen und lebte im Luxus. Selbst seine nie geleugnete Homosexualität stand seiner Karriere nicht im Wege, obwohl er pro forma die Schauspielerin Marianne Hoppe heiratete. Doch der Volksmund spottete „Hoppe, Hoppe, Gründgens, die kriegen keine Kindgens, und das hat seine Gründgens“.

Klaus Mann (* 18. November 1906 in München; † 21. Mai 1949 in Cannes, Frankreich), ein Schriftsteller und wahrscheinlich zeitweiliger Geliebter, zog stattdessen das Exil vor. Dort veröffentlichte er 1936 seinen Roman „Mephisto“, die Geschichte eines ehrgeizigen und begabten Schauspielers, der in der Hitler-Diktatur Karriere macht, als Beispiel für den Oportunismus und Gewissenlosigkeit scheinbar unpolitischer Künstler. Dieser Roman war bis 1980 in Westdeutschland verboten, das Bunderverfassungsgericht nannte ihn eine Schmähschrift und Ehrverletzung gegen Gründgens von einem, der Deutschland nur von außen kannte. Ein Nazi-Kollaborateur hatte in den Anfangstagen der Bundesrepublik eben mehr Ehre als einer, der vor der Diktatur ins Ausland flüchtete.

Übrigens: Wer einen tollen Song für die Silvester-Party sucht, der garantiert jeden auf die Tanzfläche zieht, dem empfehle ich die Fassung des Liedes Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da von Udo Lindenberg. Es ist auf der ziemlich unbekannten Platte „Hermine“ von 1988 enthalten. Leider gibt es weder ein Video noch eine Audio-Fassung davon im Internet, aber bei iTunes oder Google Music ist es zu finden, bei Amazon jedoch nur in einer nicht sehr tanzfreundlichen Live-Version.

Lindenberg singt übrigens nur die nicht zensierten Teile des gedruckten Liedtextes, obwohl er gegen Rebellion bestimmt nicht einzuwenden hatte. Wahrscheinlich kannte er damals die Kinoversion mit dem vollständigen Text gar nicht, woher auch, YouTube und das World Wide Web mit seinem globalen Gedächtnis gab es vor 25 Jahren ja noch nicht.

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