Tschüß Schreibmaschine!

Ende der 1980er Jahre war ich EDV-Dozent an der Volkshochschule einer norddeutschen Mittelstadt. Die überwiegende Zahl der Teilnehmer waren Bürokräfte, meist Frauen, die beruflich gezwungen waren, sich mit diesen neuartigen Computern zu beschäftigen. Ihnen gemeinsam war eine Grundhaltung: der Hass auf diese moderne Technik. Mit den alten Schreibmaschinen klappte doch alles sein Jahrzehnten prima!

Zwei Ereignisse blieben mir besonders in Erinnerung:

Großes Vergnügen bereitete den Teilnehmerinnen ein Tipp der örtlichen Gewerkschaft: „Trinken Sie öfters mal eine Tasse Kaffee mit Ihrem Computer, möglichst stark gezuckert!“ Zuckerwasser und Mikroelektronik vertragen sich nämlich überhaupt nicht. Das war es dann und die alte Schreibmaschine hat ihre Überlegenheit einmal wieder bewiesen.

Und dann gab es den Katastrophentag: Der Arbeitgeber mehrerer Teilnehmer hatte in einer Nachtaktion alle Schreibmaschinen eingezogen, auch die versteckten aus den Schränken ganz unten hinten, nachdem die Aufforderung, in Zukunft Computer zu benutzen, wenig Erfolg zeitigte. „Haben die denn gar kein Gewissen?“

Nun ist alles vorbei: Im Mai 2011 stellte die Firma Godrej and Boyce aus Mumbai (Indien) die Produktion ein. Es war weltweit die letzte Fabrikationstätte der alten Schreibmaschine. In den neunziger Jahren hat man jährlich über 50.0000 Maschinen verkaufen können, 2010 waren es nur noch 800. Der Computer hat endgültig gesiegt.

Wenn noch eines dieser alten mechanischen Schreibgeräte in der hintersten Ecke des Kellers überlebt haben sollte: auf keinen Fall wegwerfen. In ein paar Jahren werden sich nicht nur die Museen darum reissen. Auch die „Individualisten“ werden es dann schick finden, altertümliche Post-Briefe in eine Schreibmaschine zu hacken, bei der jeder Buchstabe, je nach Anschlagstärke, noch individuell aussieht. Es ist wie bei den alten Vinylschallplatten: sie werden um so teurer, je länger es sie nicht mehr gibt.

 

Eine Frage aller Schreibmaschinenbenutzer hat jedoch erst der Computer beantworten können: Wie sieht eigentlich eine chinesische Schreibmaschine aus, mit den dort verwendeten 50.000 Zeichen (Buchstaben)?

Zum Glück sind nicht alle chinesischen Zeichen ständig in Gebrauch, darum beschränkte sich die dortige Schreibmaschine auf 2.500 bis 3.000 Zeichen, die in einem großen Satzkasten angeordnet waren. Man entschied zunächst, ob man von oben nach unten, von rechts nach links oder von links nach rechts schreiben wollte und stellte dies an der Maschine ein. Dann ließ eine Mechanik das Schriftzeichen aus dem Kasten heben, an einer mit Farbe getränkten Filzrolle vorbeilaufen und auf die Rolle mit dem Papier schlagen. Wenn die Letter wieder zurück an ihren Platz gefallen war, ging die Suche nach dem nächsten Schriftzeichen von vorne los. Normale Schreiber kamen auf etwa 10 Anschläge pro Minute – das war nicht schneller als den Text von Hand zu kalligraphieren.

Und wie schreiben Chinesen an einem heutigen Computer? Mit der normalen lateinischen Tastatur geben sie die Lautfolge des Wortes ein und eine automatische Worterkennung schlägt dann die Schriftzeichen vor, aus denen sich der Schreiber das gewünschte auswählen kann.

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